Hans-Joachim Niemann
Die Nutzenmaximierer. Der aufhaltsame Aufstieg des Vorteilsdenkens
Tübingen (Mohr Siebeck) 2011, (X, 230 Seiten), 44 Euro.
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›Jeder
denkt doch nur an seinen eigenen Vorteil‹.
Diese schwer überprüfbare Lebensweisheit ist in den letzten zwanzig Jahren von
der neueren Ökonomik zu einer modelltheoretisch fundierten Ethik ausgearbeitet
worden, die fordert, innerhalb geeigneter Rahmenbedingungen dem
»unbändigen
Vorteilsstreben« nicht
nur im Marktgeschehen, sondern auch im alltäglichen Zusammenleben freien Lauf zu
lassen. Zu diesem Zweck preisen seit den 80er Jahren Modelltheoretiker wie
Robert Axelrod und David Gauthier das so genannte Gefangenendilemma als den
Lösungsschlüssel für die sozialen und politischen Probleme dieser Welt. Deutsche
Ökonomiker haben diese Idee zu einer allgemeinen
»Ethik der Zukunft«
ausgebaut.
Deren Aufgabe ist nicht, den Egoismus zu überwinden,
sondern ihm innerhalb geeigneter Rahmenbedingungen freien Lauf zu lassen. Mit
dem Egoismus als Triebkraft glauben die Ökonomiker gefunden zu haben, was Kant und
Schopenhauer den ›Stein
der Weisen‹ genannt
hatten: die Lösung des Durchsetzungsproblems, dieses größten aller ethischen
Probleme.
Hans-Joachim Niemann analysiert die »heimliche Moral des Vorteilsdenkens« und demontiert das Modelldenken der neuen PDF und zeigt:
Wer seine Modelle nicht durchschaut oder die Komplexität des sozialen Lebens unterschätzt, läuft Gefahr, hochentwickeltes, bewährtes soziales Denken durch binäre Anreiz- und Drohungsstrukturen zu ersetzen und damit zu zerstören. Diese Zukunftsethik würde Menschen zu Verhaltenstieren degradieren und sie einem Überwachungsstaat ausliefern.
Statt für eine solche »Ethik der Zukunft« plädiert der Autor für die auf westliche Tradition und Aufklärung gründende, tatsächlich gelebte »säkulare Moral«.
Wenn es gelingt, diese zu analysieren und klar auszusprechen, wird sie kritisierbar und damit verbesserbar. Als theoretisches Instrument für dieses Vorhaben bietet Niemann seine »Problemlösungsethik« an, die auf den kritischen Rationalismus von Karl Popper und Hans Albert zurückgeht.